Nachgefragt „Eine Rubrik der Appenzeller-Zeitung“, Interview vom 1.März 2016

“Viele Fahrer überschätzen sich”

Jedes Jahr häufen sich die Autounfälle, sobald der Winter Einzug hält. Hanspeter Steiger ist Fahr- und Verkehrslehrer und bietet auf der Schwägalp seit 22 Jahren professionelle Fahrtrainings auf Schnee und Eis an. Er spricht über Unfallursachen auf schneebedeckten Strassen und Möglichkeiten zur Unfallprävention.

Herr Steiger, täuscht der Eindruck oder gibt es heutzutage mehr Unfälle im Winter?

Ich kenne die aktuelle Statistik dazu nicht genau. Nach meiner Erfahrung überschätzen in der heutigen Zeit aber viele Fahrer ihre Fähigkeiten. Dies hängt auch damit zusammen, dass in modernen Autos mehr Technik verbaut wird. Es ist heute schwieriger abzuschätzen, wie gut das eigene fahrerische Können ist und welchen Anteil die Technik übernimmt.

Was sind die häufigsten Fehler, die zu Unfällen auf schneebedeckter Strasse führen?

Die Ursachen für Unfälle gleichen sich oft. Es wird zu wenig vorausschauend gefahren. Erforderliche Sicherheits-Abstände werden oft nicht eingehalten. Dies führt zu unangepasster Geschwindigkeit und somit längeren Bremswegen. Die meisten Fahrer wissen oft nicht wie sie sich zu verhalten haben, wenn ihr Auto ins Rutschen kommt. Anstatt dorthin zu schauen, wo sie das Auto hinbewegen wollen, schauen sie wohin das Auto rutscht. In solchen Situationen kommt der Blicktechnik eine besondere Bedeutung zu, da die Koordination von Händen und Füssen immer blicktechnisch geregelt wird.

Was kann im Sinne der Unfallprävention unternommen werden?

Es ist wichtig, dass man sich und seine Fähigkeiten kennenlernt. Das geht am besten über ein Fahrtraining, in dem man solche Situationen explizit trainiert. Rein theoretisches Wissen bringt in brenzligen Situationen auf der Strasse nicht viel. Wir haben deshalb viele Kunden, die jeweils vor dem Winter ins Fahrtraining kommen um ihr praktisches Können aufzufrischen.

Ist es wichtig ein Fahr-Sicherheits-Training auf Schnee und Eis mit dem eigenen Fahrzeug zu bestreiten?

Nein. Für die Veranstalter von professionellen Fahr-Sicherheits-Trainings auf Schnee und Eis ist es von grossem Vorteil, auf eine eigene Fahrzeugflotte zurückgreifen zu können. Allein das Thema Bereifung spricht klar für den Einsatz einer Trainingsflotte. Für die Sicherheit und Effizienz der Trainings sind damit ideale Voraussetzungen gewährleistet.

Bei den heutigen Fahrzeugen gibt es aber deutliche Unterschiede z.B. bei der Antriebsart oder bei den elektronischen Fahrwerk-Regel-Systemen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass bei Fahr-Sicherheits-Trainings die Teilnehmenden und nicht die Fahrzeuge trainiert werden.  Blick-, Brems-, und Lenktechnik sowie sämtliche Stabilisierungs-Massnahmen sind mit jedem Fahrzeug exakt gleich auszuführen.
Die elektronischen Fahrwerk-Regel-Systeme werden dabei – je nach Trainingsstand – zuerst teilweise danach völlig ausgeschaltet. Die Teilnehmenden trainieren letztlich ohne elektronische Schutzengel (ausgenommen ABS).
  
Den korrekten Einsatz der elektronischen Systeme und auch die damit verbunden Gefahren bei falscher Handhabung wie z.B. bei einer Bergabfahrhilfe oder dem Fahrwerk-Regel-System während
der Bergfahrt oder einer Beschleunigung, trainieren die Teilnehmenden stufenweise. Sie sind danach in der Lage, die Systeme sicher zu nutzen und die Gefahren richtig einzuschätzen.

Werden angehende Autofahrer in der Ausbildung zu diesem Thema geschult?

Das Fahren auf Schnee und Eis ist nicht explizit Teil der Grundausbildung. Ich möchte aber gerne festhalten, dass die Chefs der Strassenverkehrsämter AI, AR, SG und TG die Neulenkenden seit vielen Jahren zum Thema „Fahren auf Schnee & Eis“ sensibilisieren. Nach bestandener Prüfung wird das Thema „Winter“ vom Motorfahrzeug-Experten angesprochen, ein ”snowdrive-Flyern” abgegeben und ein Kursbesuch empfohlen.

Wie viele Kunden haben Sie pro Winter?

Pro Winter trainieren wir zwischen 1400 und 1600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Zu uns ins Fahrtraining kommen neben Banken, Versicherungen und anderen privaten Unternehmen, auch rund 400 Neulenkende, Fahrlehrer sowie kantonale Polizeikorps und die Bundespolizei. (pab)